Pulpit Vomit – Hospital Lens

© Pulpit Vomit

 

Geschrieben von: Johannes „Jojo“ Knopp
Band: Pulpit Vomit
Album: Hospital Lens
Genre: Progressive Thrash/Death Metal
Plattenfirma: Rottweiler Records/Broken Curfew Records
Veröffentlichung: 27.07.25

 

Seit ihrer Gründung 2022 in Kalifornien hat „Pulpit Vomit“ einen rasanten Entwicklungssprung vollzogen. Die Band um Seth Metoyer (Gitarre/Gesang), Kristeffor Olson (Bass) und Tim Olson (Schlagzeug) startete als nüchterner, extrem schneller Grindcore-Act und etablierte sich binnen weniger Monate in der US-Extrem-Metal-Szene. Musikalisch wandelte sich der Sound von purer, kurzer Grindcore-Attacke hin zu komplexeren Prog-Death-Thrash-Strukturen. Nun liegt mir ihr Debüt „Hospital Lens“ hier vor mir und ich bin sehr gespannt wie dieses Inferno so klingt.

Schon die ersten Sekunden des Openers „Razor Jaw“ setzen diesen klinischen, fast schon unangenehmen Ton perfekt, um in eine Welt aus Schmerz, Isolation und verzerrter Realität einzutauchen. Wer bisher nur auf klassische Thrash-Grooves à la Slayer oder Testament stand, sollte sich auf technische Taktartwechsel und bösartigen röhrende Death Growls und kehlige Screams gefasst machen, denn technische Breakdowns wechseln mit abrupten Tempiwechseln und legen die Dynamik des Prog-Death-Thrash offen. Dieses Album wird kein Entspannungsstück, sondern eine Klang-Grind OP bei vollem Bewusstsein.

„Ghost In The Bedroom Closet“ fühlt sich an wie eine Panikattacke aus dem Hause Napalm Death – hektische Blastbeats und kreischende Vocals jagen einem das flirrende Bild ein, wenn das Kind nachts im Schrank lauscht. Man kann fast spürbar die Panik des Kindes greifen, das von Geisterängsten im Kleiderschrank heimgesucht wird. Die klaustrophobischen Samples im Hintergrund steigern die Nervenanspannung bis zum Zerreißen. 

Mit zähen, down-tuned Groove Gitarren führt „The Filth“ einen an die dunklesten Abgründe, während dissonante Soli und gutturales Gebrüll eine Atmosphäre erzeugen, die an verstopfte Abwasserrohre aus menschlichen Abfällen gemahnt. Dieser Track zeigt, wie man Groove und Dissonanz perfekt kombiniert, denn die Vocals wabern teils guttural, teils kreischend über dem Song, während rhythmische Verschiebungen und dissonante Soli die abgründige Atmosphäre vertiefen. 

Der Track „No Place In Power“ lässt politische Wut in peitschende Thrash-Riffs übergehen. Jeder Staccato-Riffwechsel fühlt sich an wie ein Hammerschlag gegen Institutionalismus, denn mal bremst scharf ab und lässt stoßartige Stop-Go-Rhythmen entstehen, mal schlägt er sich in wechselseitigen Breakdowns nieder, die den Song in zornige Energie umwandelt.

Das „Untitled Instrumental“ ist die düstere Interlude-OP-Lampe zwischen den Full-Speed-Tracks. Dieser instrumentale Zwischenakt entfaltet eine skurrile Horror-Ästhetik: dissonante Gitarrenschichten, flirrende Drones und nervtötende Samples erzeugen Spannung wie fluoreszierendes OP-Licht in einer stillen Kliniknacht. 

In „Skin Collector“ wechselt die Band mühelos von rasantem Thrash in ein bedrohlich gedrosseltes Midtempo-Segment, das ein wenig an die hypnotische Brutalität von Sepultura erinnert. Der Wechsel zwischen rascher Aggression und bedrohlicher Ruhe spiegelt das psychologische Spiel im Text wider, denn man spürt förmlich die Rage eines Jägers, der Haut als Trophäe hortet – gesungen mit tiefem Growl und beängstigender Gelassenheit.

Mit epischer Länge und cineastischem Touch dehnt sich „Midnight Nun“ auf über drei Minuten. Monumentale Gitarrenwände, Blastbeat-Eruptionen und atmosphärische Interludes erzeugen und verschmelzen zu einem Klanggemälde das ein Bild nächtlicher Klostergänge malt, in denen die Figur der Nonne zwischen Heiligkeit und Wahnsinn schwebt.

Im Finale entlädt sich mit „Spewing Vomit From The Pulpit“ die Band in purem Grindcore-Chaosausbruch. Zerhackende Gitarren, maschinenhaft präzise Drums und provokante Lyrics kritisieren religiösen Fanatismus scharf. Die rohe Gewalt der Musik verstärkt das Bild eines verzerrten Gottesdienstes am Pult der Verzweiflung. Ein Apokalypse-Crescendo, das keinen Stein auf dem anderen lässt.

„Hospital Lens“ hinterlässt ein intensives Déjà-vu zwischen klinischer Präzision und roher Metal-Aggression. „Pulpit Vomit“ balancieren technische Finesse und unbändige Wucht so, dass jeder Track zu einem kleinen Kontrollgang durch eine seelische Intensivstation wird. Nach mehrmaligen Durchläufen offenbart es einerseits doch die kleinen Schwächen wie zum Beispiel die öfter vorhersehbaren Tempiwechsel zwischen Thrash und Blasbeats, anderseits die Intensität des „Zuviel Wollens“ macht sich ab und an bemerkbar. Außerdem finde ich die Produktion zum Teil zu höhenlastig was den brutalen Gesamteindruck doch ein wenig schmälert. Wenn diese kleinen Nuancen noch besser kanalisiert werden, können „Pulpit Vomit“ eine der neuen Maßstäbe im Extrem Metal Bereich werden, denn hier stimmt der Satz wirklich, dass dieses brutal/fiese Stück Langrille keine Gefangenen macht, denn es fordert immer volle Konzentration und belohnt diese mit einer Soundexplosion, die sich ins Gedächtnis brennt.
Deshalb gibt es von mir 8,5 von 10 Hellfire Punkten.

Tracklist:

01 Razor Jaw
02 Ghost In The Bedroom Closet
03 The Filth
04 No Place In Power
05 Untitled Instrumental
06 Skin Collector
07 Midnight Nun
08 Spewing Vomit From The Pulpit

 

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