Annisokay – Wenn es am Ende keinem gefällt, dann gefällt es wenigstens uns!

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Anniskokay haben am 17. August ihr neues Studio-Album “Arms” (Review) veröffentlicht, mit dem sie direkt auf Platz 26 der deutschen Charts eingestiegen sind. Vorher war die Band auf ihrer ersten Tour durch die USA und wird ab Oktober auf Europa-Tournee gehen. Der perfekte Anlass für ein Gespräch mit Sänger und Gitarrist Christoph Wieczorek.

HF: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album. „Arms“ ist zwar definitiv Annisokay, aber auch irgendwie differenzierter als eure bisherigen Veröffentlichungen. Beim ersten Hören musste ich manchmal echt auf den Gesang warten, um mir sicher zu sein, dass ihr es seid, so untypisch waren z.B. einige Anfänge der Songs. War das ein ganz bewusster Ansatz für euch bei der Arbeit am Album oder passierte das eher zufällig nach dem Motto „alles ist erlaubt, wir gucken mal was rauskommt“?

Christoph: Ja, ehrlich gesagt haben wir uns gedacht: wir machen einfach mal nur, worauf wir Bock haben. Ohne Rücksicht auf irgendwelche Genre Grenzen oder Angst vor blöden YouTube Kommentaren. Am Ende gibt es immer Hater, also kann man auch gleich das machen, worauf man Lust hat. Zu verlieren haben wir auch nicht wirklich was. Wenn es am Ende keinem gefällt, dann gefällt es wenigstens uns! Das klingt jetzt aber alles extremer als es war. Wir haben einfach versucht, die besten Songs zu schreiben, die wir können. Mit Elementen, die besonders sind und herausstechen, die man sich merkt und mit Texten, die tatsächlich etwas aussagen.

HF: Bisher hattet ihr ja eine ziemlich hohe Schlagzahl an Veröffentlichungen, habt zwei EPs und mit „Arms“ jetzt das vierte Studio-Album im Lebenslauf stehen. Wird es mit der Zeit leichter, ein Album zu machen, weil ihr beim Schreib- und Aufnahmeprozess schon ein eingespieltes Team seid oder wird es vielleicht sogar schwerer, weil ihr euch den immer weiter wachsenden Erwartungen der Fans und Kritiker gegenüber seht?

Christoph: Wie schon gesagt, die Erwartungen sind uns immer egaler. Interessanterweise sind die Reviews zu unserem neuen Album aber nun so gut, dass das am Ende wahrscheinlich die richtige Herangehensweise war. Tatsächlich ist es inzwischen einfacher für uns, ein Album zu schreiben. Wir haben mehr Erfahrung im Songwriting und producen, wissen schneller, wie wir das umsetzen können, was wir uns vorstellen und haben mit meinem Studio einen Ort, an dem wir jederzeit an den Songs arbeiten und einen professionellen Sound kreieren können. Das Problem ist eher, dass wir immer noch nicht wirklich Geld verdienen mit der Band. Wir machen die Musik in unserer Freizeit und es wird immer schwerer, sich mal zwei Monate komplett Auszeit zu nehmen, um an einem Album zu schreiben. Dazu kommen ja auch immer noch monatelange Touren im Jahr. Wenn man dann noch seine Grundkosten decken muss, die bei einem eigenen Studio doch recht hoch sind, gehen schonmal einige Nächte Schlaf drauf.

HF: Bei euch lohnt es sich, auch auf die Texte zu achten. Statt Love-Song-Geblubber habt ihr ja schon immer Probleme angesprochen, sowohl globaler als auch gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Art. Diesmal sind bei mir vor allem die Lyrics zu „Innocence Was Here“ und insbesondere „Sea Of Trees“ hängengeblieben, welches sich mit dem Thema Selbstmord befasst. Ist das eher „Zufall“, dass ihr diese Thematik aufgreift oder haben da auch z.B. Ereignisse wie die Tode von Chester Bennington und George Christie (Shields) mit Einfluss genommen?

Christoph: Schön, dass du George ansprichst und das trifft tatsächlich ins Schwarze. Sein Tod war der Auslöser dafür, dass ich mich richtig mit dem Thema auseinandersetze. Er war der erste Freund von mir, der sich das Leben genommen hat und es ist für mich immer noch unbegreiflich. Chesters Selbstmord hat mich natürlich auch beschäftigt, schließlich war er immer ein Idol von mir. Einen Menschen zu verlieren, den man persönlich kennt und mag, mit dem man Pläne hat, ist dann aber doch etwas ganz anderes. Ich fand es interessant, in dem Song die egoistische Seite eines Selbstmords aufzuzeigen. Es ist feige und am Ende gibt man den eigenen Schmerz nur an die Leute weiter, die einen lieben.
“Innocence was here” behandelt ein Thema, das mich auch sehr beschäftigt. Alles fing mit ein paar Dokumentationen über unschuldig inhaftierte Menschen an. Mich hat das so beschäftigt, dass ich anfing, selber zu recherchieren und mich ließ einfach der furchtbare Gedanke, jahrelang unschuldig eingesperrt zu sein, nicht los. Die Vorstellung, dass man NICHTS getan hat und keiner einem glaubt, während hinter den Gitterstreben das eigene Leben vergeht, ist doch furchtbar. Deshalb dieser Song.

HF: Ihr habt ja inzwischen mit reichlich bekannten Namen auf der Bühne gestanden und auch schon Feature-Gäste wie Marcus Bridge von Northlane oder diesmal Chris Fronzak von Attila auf euren Alben gehabt. Gibt’s da noch Bands, wo man vom erfahrenen, coolen Musiker zum absoluten Fan mutiert, wenn man ihnen gegenübersteht? Wer wäre dein Traumgast für ein Feature auf einem eurer Alben?

Christoph: Ehrlich gesagt ist das „Fangefühl“ inzwischen fast gänzlich verschwunden. Ich finde das eigentlich sehr schade, da wir dadurch manchmal gar nicht mehr wissen, wie cool es ist, mit solchen Bands zu touren oder gar zusammenzuarbeiten. Hätte ich mir das vor 10 Jahren erzählt, hätte ich mir selber nicht geglaubt. Einen konkreten Traum-Gastmusiker habe ich nicht wirklich. Mir fallen leider nur Namen von Musikern ein, die nicht mehr unter uns weilen. Wie geil wäre bitte ein Annisokay Song mit Michael Jackson als Feature?

HF: Auch nach jetzt elf Jahren als Band macht ihr vieles noch selbst bzw. behaltet die Kontrolle über den Gesamt-Prozess. Mit ‘nem Studio in der Band-Familie macht das in Sachen Mixing, Mastering etc. definitiv Sinn, aber wie kam es, dass du auch bei euren Videos Regie führst? Kommt da so ein bisschen der Perfektionist durch oder ist das für dich nur eine andere Form sich künstlerisch auszudrücken?

Christoph: Alles beides. Ich wollte früher immer Regisseur werden und fand es deshalb toll, durch die Musikvideos die Chance zu bekommen, diesen Berufswunsch wenigstens teilweise zu verwirklichen. Es ist für mich toll, Ideen im Kopf und meiner Fantasie zu entwickeln und diese dann in tatsächliche Videos umzusetzen, die dann auch noch so viele Leute ansehen. Unser neues Video für “Sea Of Trees” haben fast 40.000 Menschen in nur zwei Tagen gesehen. Das ist immer sehr aufregend. Die Videodrehs sind aber auch immer sehr stressig und ich hatte oft den Punkt, an dem ich mir dachte: ich mach das nicht mehr. Man hat sehr wenig Budget und oft wenige Helfer, um meist ziemlich bekloppte Ideen umzusetzen. Als ich den Jungs erzählt habe, ich würde für “Unaware” gerne ein post-apokalyptisches Video in einer Wüste drehen, mit einem Volk, das digitale Timer unter der Haut hat, nach Diamanten suchen muss und dabei komplexe Zukunftsoutfits trägt, haben mir alle den Vogel gezeigt und mich gehasst. Wir haben es aber wieder irgendwie umgesetzt bekommen und auf das Ergebnis sind wir wirklich stolz.

HF: Ihr wart gerade in den USA auf Tour, im Dezember geht es für ein paar Termine nach Japan. Wie fühlt es sich an, so oft wieder das erste Mal irgendwo aufzutreten? Ist das eher befreiend oder auch ein bisschen beängstigend, weil man nicht so richtig weiß, was einen erwartet? Habt ihr da grundsätzliche Unterschiede zu Deutschland festgestellt, z.B. in den Reaktionen der Fans?

Christoph: Zuerst sind alle Touren erstmal geil. Es war für uns immer einer der größten Träume, mal in den USA zu touren. Den haben wir uns jetzt erfüllt und es war wirklich krass! Einige Dinge haben uns auch enttäuscht, aber definitiv nicht das Feedback der Fans! Die Amerikaner sind sehr dankbar und zeigen sehr deutlich, wenn ihnen etwas gefällt! Die Shows waren nicht immer sehr gut besucht und trotzdem hat jede einzelne Show der Tour Spaß gemacht. Ob das in Deutschland auch so wäre, weiß ich nicht. Der Deutsche ist generell zurückhaltender und introvertierter. Wenn man da vor kleinerem Publikum spielt, kann das unangenehm sein. Zum Glück spielen wir aber in Deutschland eigentlich nur noch große Shows und das sind bis jetzt auch immer die besten, die wir überhaupt haben. Auf Japan sind wir sehr gespannt! Wir haben schon lustige Geschichten über Shows da drüben gehört und sind gespannt, ob sie wirklich stimmen.

HF: Nach ein paar Festivalauftritten noch im August, geht es in Sachen Tour erst im Oktober für euch weiter, Österreich, UK und vor allem Deutschland stehen auf dem Programm. Was ist das erste, was du machst, wenn du jetzt nach Wochen endlich mal wieder länger zu Hause bist, außer wahrscheinlich kiloweise Post lesen. Wie tankst du Energie oder hast du direkt wieder einen vollen Terminplan? Was fehlt dir am meisten, wenn ihr auf Tour seid, und was so überhaupt nicht?

Christoph: Ich habe mich extrem auf meinen Hund gefreut! Ich liebe den kleinen Fratz und ihn wochenlang nicht zu sehen, war schon sehr traurig. Bei mir im Studio stapelt sich inzwischen schon wieder die Arbeit und ich kann direkt anfangen, weiter zu arbeiten. Mir macht mein Job aber echt viel Spaß, von daher ist das nicht schlimm und ich freue mich immer ein bisschen mehr, wieder in den Alltag zurückzukehren. Das Beste ist für mich sowieso die Abwechslung. Ein paar Monate touren, ein paar Monate arbeiten und dann ein bisschen Songs schreiben ist wirklich das tollste für mich.

HF: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen euch mit „Arms“ viel Erfolg und freuen uns auf eure Tour im Herbst.

Christoph: Danke euch!!

Interview: Katja Maeting

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Anniskokay released their new studio album “Arms” on August 17th, which took them directly to number 26 in the German album charts. Before that the band went on their first tour through the USA and will embark on a European tour in October. The perfect occasion to talk to vocalist and guitarist Christoph Wieczorek.

HF: First of all congratulations on your new album. “Arms” is definitely Annisokay, but also somehow more differentiated than your previous releases. Sometimes I had to wait for the vocals to set in when I listened to the album for the first time to be sure that it was you, so atypical were e.g. some beginnings of the songs. Was that a conscious approach while working on the album or did it happen more by chance based on the motto “everything is allowed, let’s see what comes out of it”?

Christoph: Yes, to be honest we thought to ourselves: we just do what we want to do. Regardless of any genre boundaries or fear of stupid YouTube comments. In the end there are always Hater, so you can do whatever you feel like doing straight away. We do not really have anything to lose. If nobody likes it in the end, then at least we are happy with the album! But that sounds more extreme than it was. We just tried to write the best songs that we could. With elements that are special and stand out, that you remember and with lyrics that actually have something to say.

HF: So far you’ve had quite a lot of releases, have two EPs and with “Arms” your fourth studio album in your CV. Does it get easier with time to make an album because you are a well-functioning team when it comes to writing and recording or does it maybe even get harder because you have to face the ever growing expectations of fans and critics?

Christoph: As I said before, the expectations are getting more and more irrelevant to us. Interestingly enough, the reviews of our new album were so good that it was probably the right approach in the end. In fact, it’s really easier for us to write an album nowadays. We have more experience in songwriting and producing, we know better how to do what we envision and with my studio we have a place where we can always work on the songs and create a professional sound. The problem is rather that we still don’t really make money with the band. We are creating music in our spare time and it is getting harder and harder to take two months off completely to write an album. In addition to that there are always months of touring a year. If you also have to cover your basic costs, which are quite high when you have your own studio, you can sometimes lose a few nights’ sleep.

HF: In your case it’s worth paying attention to the lyrics as well. Instead of love-song-babbeling you have always addressed problems, whether global, social or interpersonal. This time I especially got stuck with the lyrics to “Innocence Was Here” and in particular “Sea Of Trees”, which deals with the subject of suicide. Is it rather “coincidence” that you address this topic or did events like the deaths of Chester Bennington and George Christie (Shields) have an impact on you?

Christoph: I’m glad you’re bringing George up, and that actually hits the mark. His death was the reason why I really got to the bottom of the subject. He was the first friend of mine who took his own life and it is still incomprehensible to me. Of course, Chester’s suicide has also struck me, after all he was always an idol of mine. But losing someone you personally know and like, with whom you have plans, is something completely different. I thought it was an interesting idea to show the selfish side of suicide in this song. It’s cowardly and in the end you only pass on your pain to the people who love you.
“Innocence was here” deals with a topic that also bothers me a lot. It all started with some documentaries about innocent people in prison. I’ve been so concerned about this that I started doing my own research and I just couldn’t let go of the horrible thought of being imprisoned innocently for years. The idea that you did NOTHING and nobody believes you while your life is passing behind the bars is terrible. This is why I wrote this song.

HF: You’ve shared the stage with plenty of well-known names and you’ve had feature guests like Marcus Bridge from Northlane or this time Chris Fronzak from Attila on your albums. Are there still bands where you change from an experienced, cool musician to an absolute fan when you meet them? Who would be your dream guest for a feature on one of your albums?

Christoph: To be honest, the “fan feeling” has almost completely disappeared by now. I think it’s a pity, because sometimes we don’t even realize how cool it is to tour with such bands or even to work together. If I’d told myself that 10 years ago, I wouldn’t have believed myself. I don’t really have a specific dream guest musician. Unfortunately, I can only think of names of musicians who are no longer with us. Just imagine how fucking cool a Michael Jackson feature in an Annisokay song would be.

HF: Even after eleven years as a band you still do a lot of things yourself and keep control over the whole process. With a studio in the band family this definitely makes sense when it comes to mixing, mastering etc., but how come you also direct your videos? Is there a bit of perfectionism coming through or is it just another way for you to express yourself creatively?

Christoph: Both of it. I always dreamed of becoming a director, so I thought it was great to get the chance to realize this career dream at least partially through the music videos. It’s fantastic to develop ideas in my head and my imagination and then turn them into actual videos that are watched by so many people. Our new video for “Sea Of Trees” has been seen by almost 40,000 people in just two days. This is always very exciting. But the video shoots are also always very stressful and I often reached the point where I thought: I won’t do it anymore. You have a very tight budget and often only a few volunteers to realize pretty crazy ideas. When I told the other guys that I would like to shoot a post-apocalyptic video in a desert for “Unaware”, with a tribe that has digital timers under their skin, has to search for diamonds and wears complex futuristic outfits, everyone called me nuts and hated me. But we made it happen again somehow and we are really proud of the result.

HF: You’ve just been on tour in the USA, in December you’ re going to Japan for a few dates. How does it feel to perform so often again for the first time somewhere? Is that rather liberating or a bit frightening because you don’t really know what to expect? Have you noticed any fundamental differences to Germany, e.g. in the reactions of the fans?

Christoph: All tours are great first of all. It was always one of our biggest dreams to tour in the USA. We have now fulfilled that dream and it was really amazing! Some things were disappointing, but definitely not the feedback of the fans! The Americans are very grateful and show very clearly if they like something! The shows weren’t always very well attended and still every single show of the tour was fun. I don’t know if that would be the same in Germany. The German is generally more reserved and introverted. If you play in front of a smaller audience, it can be awkward. But luckily we now only play big shows in Germany and they are always the best we have so far. We are very excited about Japan! We have heard funny stories about shows over there and are curious if they really are true.

HF: After a few festival appearances in August, the tour will continue in October with Austria, UK and especially Germany on the schedule. What’s the first thing you’ll do when you’re finally back home after weeks of touring, except probably reading tons of mail. How do you recharge your batteries or do you immediately have a full schedule again? What do you miss most when you’re on tour and what not at all?

Christoph: I was really looking forward for my dog! I adore the little guy and not seeing him for weeks was very sad. My work in the studio is already piling up again and I can start working again right away. But I really love my job, so it’s no big deal and I’m always looking forward to returning to everyday life a little bit more. The best thing for me anyway is the variety. A few months touring, a few months working and then writing some songs is really the best thing for me.

HF: Thank you very much for the interview. We wish you lots of success with “Arms” and are looking forward to see you on tour in autumn.

Christoph: Thank you. 

 

 

 

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