
© Sagenbringer
Geschrieben von: Tim Karow
Band: Sagenbringer
Album: Sagendarium
Genre: Pagan- / Folk Metal
Plattenfirma: NoCut Music
Veröffentlichung: 11.09.2026
Wenn eine Band eine EP komplett J.R.R. Tolkien widmet, bin ich als bekennender Tolkien-Nerd natürlich sofort hellhörig. Und nein, damit meine ich nicht nur die drei Peter-Jackson-Filme, sondern den kompletten Kosmos, den Tolkien über Jahrzehnte erschaffen hat. Von den Hobbits im Auenland über die Rohirrim bis hin zu den Haradrim im weiten Harads, Mittelerde bietet schließlich weit mehr als nur Frodo, Gandalf und den Einen Ring.
Genau hier setzen Sagenbringer mit ihrer neuen EP „Sagendarium“ an. Nach „Zwischen den Welten“ verlassen die Norddeutschen erstmals ihre bisherigen Pfade und widmen sich vollständig der Welt von J.R.R. Tolkien. Drei Songs, drei unterschiedliche Geschichten, und damit gleichzeitig drei völlig unterschiedliche Facetten vom Hinnenlande.
Und als jemand, der bei Namen wie Auenland, Riddermark und Harad nicht einfach nur Bahnhof versteht, macht diese EP besonders viel Spaß. Deshalb einen Track für Track! (Keine Sorge, sind nur 3 Songs voller Nerd!
„Hundertelfzigste Geburtstag“
Schon der Titel ist natürlich eine wunderbare Anspielung auf Bilbo Beutlins berühmten 111. Geburtstag. Tolkien-Fans wissen: Der gute Bilbo veranstaltet zu seinem Ehrentag eine gewaltige Feier und sorgt dabei nicht zuletzt mit seinem Verschwinden für einen der berühmtesten Momente aus „Der Herr der Ringe“.
Sagenbringer gehen musikalisch allerdings nicht den düsteren Weg Richtung Mordor, sondern entführen uns zunächst mitten ins Auenland.
Der Song ist über fünf Minuten lang, fröhlich, verspielt und voller Folk-Melodien. Genau das passt hervorragend zum Thema. Man hört förmlich das Treiben auf Bilbos Fest, während die Gitarren immer wieder ordentlich nach vorne gehen.
Besonders stark ist der Refrain, der sich regelrecht festsetzt. Das ist musikalisch kein Marsch nach Mordor, sondern eher ein feuchtfröhlicher Abend bei den Hobbits. Komm wir leeren Herr Gamdschies Bier ! Mein Highlight ist jedoch das aufzählen aller Hobbit Familien: „Beutlins, Boffins, Tuks, Brandybocks, Grubers, Pausbackens, „Hornbläsers, Bolgers, Straffgürtels und Stolzfußens“ (Stolzfüßens!)
Und gerade diese Leichtigkeit gefällt mir. Tolkien bestand schließlich nicht nur aus Krieg, Tod und dem Untergang Númenors. Gerade die kleinen, gemütlichen Momente des Auenlandes sind ein wichtiger Bestandteil seiner Welt.
„Reiter Rohans“
Mit „Reiter Rohans“ ändert sich die Stimmung komplett.
Wir verlassen das grüne Auenland und reiten in die Riddermark. Die Rohirrim gehören für mich zu den faszinierendsten Völkern Tolkiens. Ihr Leben ist von Pferden, Krieg, Ehre und Gemeinschaft geprägt, und genau dieses Gefühl versucht Sagenbringer musikalisch einzufangen.
Hymnische Chöre treffen auf mächtige Gitarren und eine atmosphärische Bridge. Der Song vermittelt dieses Gefühl eines Heeres, das sich auf den Weg macht, obwohl jeder weiß, dass der kommende Kampf alles andere als einfach werden dürfte.
Als Tolkien-Nerd muss man natürlich unweigerlich an Théodred, Helm Hammerhand und die Schlacht auf den Pelennor-Feldern denken. Letztere ist die Thematik des Liedes. Gerade diese Mischung aus Hoffnung und bevorstehendem Untergang macht die Rohirrim-Geschichte so stark.
Musikalisch funktioniert das hervorragend. „Reiter Rohans“ klingt nach Aufbruch. Nach Hufen auf dem Boden. Nach wehenden Bannern. Ein Schwerttag, ein Bluttag, ehe die Sonne steigt!
„Haradrim“
Und dann wird es dunkel. Hier bekommen wir ein paar Kontrahenten der Rohirrim. Mit „Haradrim“ widmen sich Sagenbringer einem Volk, das in den meisten modernen Tolkien-Adaptionen deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommt als Hobbits, Elben oder Zwerge. Die Haradrim stammen aus Harad im Süden Mittelerdes und kämpfen im Ringkrieg auf der Seite Saurons. Tolkien beschreibt sie allerdings nicht einfach als gesichtslose „Bösewichte“. Gerade wenn man tiefer in seine Welt eintaucht, wird deutlich, wie stark seine Geschichten von unterschiedlichen Kulturen, Perspektiven und politischen Machtverhältnissen geprägt sind. Musikalisch ist „Haradrim“ entsprechend der düsterste Beitrag der EP. Tief gestimmte Gitarren, treibendes Schlagzeug und Haldruhirs markanter Gesang erzeugen eine bedrohliche Atmosphäre. Der cineastische Refrain passt dabei hervorragend. Wo „Der hundertelfzigste Geburtstag“ nach Fest und Auenland klingt und „Reiter Rohans“ nach Aufbruch, fühlt sich „Haradrim“ eher wie der Marsch eines Heeres an.
Fazit: „Sagendarium“ ist für mich eine verdammt schöne Liebeserklärung an Tolkiens Welt. Und genau deshalb funktioniert die EP: Sagenbringer versuchen nicht, Tolkien einfach nur mit ein paar bekannten Namen abzuhaken. Die drei Songs greifen unterschiedliche Stimmungen und Völker auf und übersetzen sie musikalisch.
Vom ausgelassenen 111. Geburtstag Bilbos, über die stolzen Rohirrim der Riddermark bis zu den düsteren Haradrim aus dem Süden führt die Reise einmal quer durch Mittelerde.
Natürlich könnte man als Tolkien-Nerd jetzt stundenlang darüber diskutieren, woher genau die Einflüsse stammen, welche Details aus „Der Hobbit“, „Der Herr der Ringe“ oder Tolkiens weiterem Legendarium aufgegriffen werden und welche Geschichten man sich für eine mögliche Fortsetzung wünschen würde. Und genau das ist für mich ein gutes Zeichen. Denn eine Tolkien-Veröffentlichung sollte im besten Fall Lust darauf machen, wieder in die Bücher zu schauen.
Musikalisch liefern Sagenbringer dazu druckvollen Folk-/Pagan Metal mit eingängigen Melodien, hymnischen Passagen und ordentlich Atmosphäre. „Sagendarium“ ist zwar kurz, aber dafür verdammt intensiv.
Für Tolkien-Fans definitiv interessant, und für mich als kleinen Tolkien-Nerd mit Hang zu Mittelerde sowieso ein gefundenes Fressen. 10 von 10 an die Musiker die sich den Geschichten Ardas gewidmet haben!
Tracklist:
01 Hundertelfzigste Geburtstag
02 Reiter Rohans
03 Haradrim
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