Geschrieben von Oliver Heberling
Neuborn Open Air Festival // 28.-29. August 2026. Seit 2016 beschließt das NOAF regelmäßig meinen Festivalsommer. Was auf den ersten Blick gerne wie ein wilder Mix wirkt, besticht in den jeweiligen musikalischen Bereichen stets durch ein mit stilsicherem Händchen ausgewähltes Line-Up. Hier ist vermutlich für die wenigstens alles dabei, dafür für jeden etwas, das den immer noch läppischen zweistelligen Ticketpreis rechtfertigt.
Eröffnet wurde der Festivalfreitag durch die Frankfurter Hardcore-Truppe TRUTH GRIP. Arbeitsbedingt habe ich diesen Auftakt leider verpasst, aber wer sich ein Bild von der Band machen möchte, kann es gerne im Anfang des Jahres von meinem Hellfire-Kollegen Tim Braff geführten Interview tun. Im Anschluss gab es mit WEDGE den ersten harten Stilwechsel. Weg vom Hardcore hin zu Heavy Psych und Fuzz Rock. Eine super Wahl für den sommerlichen Nachmittag. Die Berliner Kombo sorgte bei mir für einen smoothen Festival-Einstieg, bevor NERVOSA ordentlich auf die Zwölf gaben. Die Brasilianerinnen brachten den Neuborn kräftig zum Brummen, leider etwas auf Kosten der Soundqualität. Das schon zahlreiche Publikum zeigte sich begeistert von der Bühnenpräsenz, mit der die Thrash-/Death-Truppe ihre 40 Minuten nutzte, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Das schafften auch ELWOOD STRAY, die ich zuvor gar nicht auf dem Schirm hatte. Mit neuem Album und ner Menge Pits im Gepäck gaben sich die Jungs aus Essen alle Mühe, der Menge schonmal ordentlich einzuheizen. Wären hierauf direkt PALEFACE SWISS gefolgt, hätte ein frisch gepflügter Neuborn ab Sonntag vermutlich gedüngt werden können. Die Schweizer formten später an Crowdsurfern und Pits den Freitags-Peak. An Bandshirts auszumachen, waren für ihren Auftritt auch zahlreiche junge Fans angereist. Unter ihnen dürften ELWOOD STRAY den ein oder anderen neuen Fan dazugewonnen haben.
Für die etwas Älteren, zu denen ich mich zumindest Musikgeschmacktechnisch eher zähle, gab es dazwischen aber erst noch ein wahres Schmankerl zu bestaunen. Die Heavy-Metal-Band GRAVE DIGGER aus Gladbeck feierte das 30-jährige Jubiläum ihres Album „Tunes of war“ mit einem Special-Set und zeigte sich dabei in Hochform. Das 96er-Album befasst sich facettenreich mit der Geschichte Schottlands und überzeugt unter anderem durch den absoluten Kulthit „Rebellion (The clans are marching)“. Fünf weitere Songs der Platte plus Hits von „Excalibur“ bis „Knights of the cross“ hatten die Haudegen um Bandkopf Chris Boltendahl dabei. Das in vielen Teilen textsichere Publikum würdigte den starken Auftritt mit reihenweise Fäusten und Pommesgabeln.
Den Schlusspunkt unter den ersten NOAF-Tag setzten SKINDRED. Nach 2023 zum bereits zweiten Mal anwesend und diesmal dann als Headliner. Ihre Mischung aus Ska, Alternative, Rap, Punk und Ragga ist partymäßig eine Bank. Ich selbst werde mit den Walisern nicht warm. Der Großteil des Publikums schien jedoch begeistert und ließ sich fleißig vom charismatischen Sänger Benji Webbe zum Mitmachen animieren. Er selbst wirkte etwas rastlos auf der Bühne – bei den unzähligen Outfit-Wechseln und den vielen Samples bekannter Songs ist es aber auch schwer nicht hektisch rüberzukommen. Neben eigenen Hits wie „Nobody“ gab es unzählige Samples von „Still D.R.E.“ über Van Halens „Jump“ bis „War Pigs“ in Ehren des vor einem Jahr verstorbenen Ozzy, die fließend in die Setlist eingebaut wurden.
Tag 2 läuteten MONOSPHERE aus Mainz ein. À propos Mainz: Wer beim NOAF nicht unbedingt zelten möchte, dem sei ans Herz gelegt, dass man nach dem Headliner stets gemütlich noch den letzten Zug von Wörrstadt in die Landeshauptstadt erreicht. Den Weg zwischen Bahnhof und Neuborn kann man gemütlich in 30 Minuten zu Fuß oder aber mit dem Festival-eigenen Shuttle zurücklegen. Eine Option, auf die ich nach dem langen Festivalsommer gerne zurückgreife. Nun zurück zu MONOSPHERE: Die Band ist schwer in eine Schublade zu packen. Ihr progressiver Mix aus Black Metal, Post Metal und Core ist nicht unbedingt auf Anhieb eingängig. Interessant ist er auf jeden Fall und hat – dem trotz der frühen Uhrzeit bereits gut aufgelegten Publikum nach zu urteilen – nicht nur mir Lust gemacht, das aktuelle Album „Amnesia“ auch mal zu Hause anzutesten.
Die nächste positive Überraschung folgte mit KRYN direkt auf dem Fuße. Was ein Start in einen Samstag, der die nominellen Highlights ja erst später noch zu bieten haben sollte. Die kroatischen Alternative Metaller hinterließen musikalisch Eindruck – und dank der extravaganten Hose von Sänger Karlo Horvat auch optisch. Der Wechsel aus Klargesang und Growls war im druckvollen Soundgewand sehr präsent. Die laut eigenen Aussagen von weit angereiste Band hatte sichtlich Spaß und verschenkte Horvats exzentrische Sonnenbrille ans Publikum. Zu kämpfen hatte lediglich eines der Sidedrops, das vom Wind ein ums andere Mal gefordert wurde.
MARCH machten den Anfang für einen etwas punkigeren Samstag. Die niederländische Band ballerte einen Kurz-Track nach dem anderen heraus. Der Gesang von Fleur van Zuilen erinnerte mich dabei einige Male an The Baboon Show. Darüber hinaus stachen MARCH auch mit ihren politischen Statements heraus. Ein kurzweiliger Auftritt, der die ersten Pits des Tages mit sich brachte.
Mit CHAPEL OF DISEASE folgte mein Vorfreude-Highlight; hatte ich die Kölner zuvor leider noch nie live sehen können. Auch acht Jahre später sind die Songs des Knaller-Albums „…and as we have seen the storm, we have embraced the eye“ immer noch magisch. Der Auftritt brauchte für mich dennoch zwei Lieder bis ich nicht mehr das Gefühl hatte, dass der gesamte Sound vom Schlagzeug erdrückt wurde. Was dann mit „Song of the gods“, „Void of words“ und „Oblivious – Obnoxious – Defiant“ abgeliefert wurde, macht mich allerdings fast sprachlos. Die Übergänge vom düsteren Death Metal Sound in den Heavy Metal und Hardrock und das in Teilen fast Knopfler´sche Gitarrenspiel und wieder zurück, muss man live erstmal so tight und unbeschwert abliefern. Wow!
PARASITE INC. und THE REAL MCKENZIES boten mir dann Zeit an für eine Essenspause. Wie schön, dass die Wege beim NOAF so kurz sind, dass man trotz längerer Wartezeiten in der Essensschlange und von der Sitzecke unterm Zelt aus noch etwas mitbekommt. So konnte ich gemütlich zusehen, wie sich die Modern-Melo-Deather aus Aalen mit sichtlicher Spielfreude an reihenweise Crowdsurfern und Pits zum Abschluss ihres Festivalsommers erfreuten und die Folk-Punker um Sänger Paul McKenzie das Publikum rudern ließen.
Mit nahendem Festival-Ende wurde es dann wieder traditioneller und metallischer. Bevor mighty SAXON dem NOAF 2026 die Krone aufsetzen sollten, gaben sich GRAND MAGUS die Ehre. Genau wie der Headliner enttäuschen auch die Schweden live nie. Für mich eine der Bands, die man eigentlich viel zu wenig hört. „I, the jury“, „Steel versus steel“, „Like the oar strikes the water“ und vor allem „Hammer of the north“ verwandelten den Bereich vor der Bühne in einen Kessel. Die Band variiert in ihren Songs zwischen Doom, Stoner und Heavy Metal und auch die neueren Songs vom gegenüber seinem schwachen Vorgänger „Wolf god“ wieder deutlich stärkeren Album „Sunraven“ fügten sich nahtlos in die Setlist ein. Das hat Hunger auf mehr gemacht und seitdem höre ich auch endlich mal wieder mehr GRAND MAGUS.
Auch wenn sich bis hierhin keine Band hat lumpen lassen, ist das, was SAXON dem noch oben drauf setzen konnten einfach beispiellos. Insbesondere Biff Byford, aufgrund dessen Krebserkrankung der eigentlich für 2025 geplante Auftritt beim NOAF abgesagt werden musste, präsentierte sich in absoluter Topform und schickte sich schon in seinem Outfit an, den Neuborn für die nächsten 1 1/2 Stunden zu dirigieren. Nach dem Opening mit dem Titeltrack vom aktuellen Album „Hell, fire and damnation“ folgte mit „Power and the glory“ bereits der erste Hit. Die Masse tobte und unzählige Kutten wurden im Verlauf des Liedes auf die Bühne geworfen, die die Band sammelte und über das Konzert hinweg auch anzog. Mit „Dogs of war“, „Solid ball of rock“, „Heavy metal thunder“, „Crusader“ und dem abschließenden „Princess of the night“ folgten unzählige Kracher. Besonderes Highlight und zugleich größte Enttäuschung: In der Mitte des Sets ließ Byford das Publikum abstimmen, ob es lieber „The eagle has landed“ oder „Broken heroes“ hören wolle. Er kam zu dem Schluss, dass genug Zeit für beide Lieder sei, „Broken heroes“ wurde dennoch im Verlauf des Abends nicht mehr gespielt. Äußerst schade, denn beim Keep it true legions Anfang August bildete das Triple aus „Broken heroes“, „Eagle“ und meinem Lieblingssong „Dallas 1 PM“ noch eines meiner Konzerthighlights des Jahres. Immerhin letztgenannter blieb in der Setlist. Das ist meckern auf dem höchsten Niveau, aber auf höchstem Niveau präsentierten sich eben auch SAXON, die einen herausragenden Schlussstrich unter meinen Festivalsommer 2026 zogen.
So bleibt abschließend nicht viel mehr zu sagen als: DANKE NOAF 2026 und bald dann HEY NOAF 2027!

















