
© Lord of the Lost
Geschrieben von: Tim Karow
Band: Lord of the Lost
Album: OPVS NOIR Vol.2
Genre: Gothic Metal / Dark Rock / Gothic Industrial / Orchestral Gothic
Plattenfirma: Napalm Records
Veröffentlichung: 12.12.2025
„Opvs Noir Vol. 2“ erscheint passend zur dunklen Jahreszeit und knüpft nahtlos an die düstere Eleganz des ersten Teils an. Doch Lord of the Lost begnügen sich nicht mit einer simplen Fortsetzung: Sie vertiefen das Klangkonzept, erweitern es mutig und formen ein Werk, das mehr atmosphärisch unterwegs ist.
„The Fall From Grace“ verdeutlicht diese Entwicklung. Der Song beginnt intim und verletzlich, getragen von einem schimmernden Piano, bevor sich die vertraute Gothic-Schwere entfaltet. Dunkelheit und Licht, Schmerz und Schönheit, diese Spannungen ziehen sich durch das gesamte Album wie ein pulsierender Nerv.
Mit „Would You Walk With Me Through Hell?“, veredelt durch die stimmgewaltige Präsenz von Lena Scissorhands, gelingt der Band einer der Höhepunkte des Albums. Die Kombination aus Chris Harms’ warmem Bariton und Lenas roher Intensität formt einen Dialog, der wie eine verschwiegene Beichte wirkt. Hier zeigt sich eine der größten Stärken dieses Albums. Lord of the Lost nutzen Gaststimmen nicht als Fremdkörper, sondern als dramaturgische Werkzeuge, die den emotionalen Radius ihrer Songs erweitern. „One Of Us Will Be Next“ und „Walls Of Eden“ schlagen leisere, reflektierende Töne an. Hier entfalten LotL eine Art gotische Introspektion, bei der Piano, Synths und Gitarre nicht überwältigen, sondern Raum schaffen. Raum für Verlust, Erinnerung und Sehnsucht. Es ist diese kontrollierte Zurückhaltung, die dem Album eine Reife verleiht, die weit über klassischen Gothic Metal hinausgeht.
Mit „Raveyard“, dem überraschenden Feature mit Käärijä, verlässt die Band abrupt die gewohnten Pfade. Was auf dem Papier wie ein Risiko klingt, entpuppt sich als genialer Stilbruch: treibend, dunkel, tanzbar. Industrial-Grooves, Rap, clubbige Energie, und dennoch bleibt der LotL-Charakter unverkennbar. Der Track beweist, mit welcher Selbstverständlichkeit die Band Genregrenzen ignoriert, ohne ihre Identität zu verlieren. Die Mitte des Albums, getragen von Stücken wie „The Last Star“ oder dem beeindruckenden „What Have We Become“ (Feat. IAMX), vertieft den introspektiven Kern. Zusammen mit Chris Corner entwickeln LotL einen der verletzlichsten Momente der Platte. Die Kompositionen atmen, sie lassen Stille zu, lassen Unausgesprochenes stehen, und gewinnen gerade dadurch emotionales Gewicht. Im späteren Verlauf glänzt „Scarlight“ mit einem packenden Refrain und atmosphärischer Orchestrierung, während „Please Break The Silence“, unterstützt von Anna Brunner, vom anfänglichen Schwelgen in einen wuchtigen Befreiungsschlag übergeht. Die Chemie zwischen Harms und seinen Gastsängerinnen bleibt ein roter Faden.
Der finale Track „Sharp Edges“ beschließt das Album mit leiser Dramatik. Kein Triumph, keine Erlösung, stattdessen ein vorsichtiges Aufblitzen von Licht, das zwischen den Schatten hindurchscheint. Der Abschluss wirkt bewusst offen, fast suchend, als wolle das Album sagen, dass die Reise weiter geht, auch nach dem Verstummen der letzten Note.
Was „Opvs Noir Vol. 2“ so stark macht, ist die Balance zwischen Kohärenz und Experiment. Lord of the Lost halten an ihrer ästhetischen Grundlinie fest, düster, melancholisch, und pathetisch, aber sie erweitern ihren Klang stetig um neue Farben. Die Vielzahl an Gastbeiträgen wirkt nicht wie ein Flickenteppich, sondern wie Erweiterungen desselben Universums. Jeder Song hat seine eigene Persönlichkeit, fügt sich aber gleichzeitig wie ein Puzzleteil in das Gesamtbild dieser Schwarzromantik ein.
Damit gelingt der Band ein Werk, das konsequent und dennoch wandelbar, vertraut und doch riskant ist. Mir „OPVS NOIR Vol.2“ liefern Lord of the Lost ein starkes nachfolgendes Album, doch die Härte des Vorgängers ist das was ich ein kleines bisschen vermisse. Doch das was sie mit Härte etwas verlieren, gleichen sie mit Atmosphäre und Ohrwurmcharakter wieder aus.
Von mir bekommt es 9 von 10 Hellfire-Punkten, da der Vorgänger mir persönlich besser gefallen hat.
Tracklist:
01 The Fall From Grace
02 Would You Walk With Me Through Hell?
03 One Of Us Will Be Next
04 Walls Of Eden
05 Raveyard (feat. Käärijä)
06 The Last Star
07 What Have We Become?
08 Winter‘s Dying Heart
09 Scarlight
10 Please Break The Silence
11 Sharp Edges
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