Konzertbericht: Lord of the Lost – „TOVR NOIR“, Carlswerk Victoria, Köln, 08.05.2026

Wer am 08.05.2026 rund um das Carlswerk Victoria in Köln unterwegs war, konnte kaum übersehen, dass hier etwas Größeres stattfinden würde. Nicht nur das Machine Head eine soldout Show hatte, sondern auch was, was in der deutschen Szene aufsteigt wie ein Stern. Schwarze Kleidung und Make-up dominierten das Gelände, Fans saßen bereits Stunden vor Einlass auf dem Boden, diskutierten Setlists oder präsentierten stolz vergangene Tourshirts. Während andere Menschen den ungewöhnlich warmen Frühlingstag genossen, warteten hier bereits seit Mittag die ersten Losties vor der Halle, sechs Stunden vor Einlass. Und das für eine Show, die wie die sämtlichen drei Deutschlandtermine der Tour restlos ausverkauft war. 

Für Lord of the Lost nimmt man weite Wege in Kauf. Viele bekannte Gesichter standen erneut in den vorderen Reihen, die üblichen „Wiederholungstäter“, die seit Jahren praktisch jede Tour begleiten. Genau diese Mischung aus eingeschworener Community und riesiger Vorfreude machte bereits vor Konzertbeginn deutlich, dass dieser Abend kein gewöhnlicher Tourstopp werden würde.

Auch organisatorisch lief im Carlswerk Victoria alles angenehm entspannt ab. Die Crew war freundlich, die Abläufe funktionierten reibungslos und selbst die Merchandise-Preise blieben überraschend fair. Besonders begehrt war das exklusive, handgemalte Kölner-Dom-Shirt von Chris Harms, das ausschließlich an diesem Abend erhältlich war. Doch die heimlichen Stars am Merchstand waren eindeutig die AxoLOTL-Plüschfiguren, sämtliche verfügbaren Exemplare wurden restlos verkauft.

Den Auftakt des Abends übernahmen League Of Distortion. Sängerin Anna Brunner bewies sofort enorme Bühnenpräsenz und zog das Publikum mit modernen Metal-Sounds und starker Energie direkt auf ihre Seite. Zusätzlich nutzte sie die Gelegenheit, um bekanntzugeben, dass League Of Distortion künftig als Support von Kissin’ Dynamite auftreten werden. Vor allem Gitarrist Ax sorgte mit seinen extremen Headbang-Einlagen immer wieder für staunende Blicke. Dass Anna später noch einmal auf die Bühne zurückkehren würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand.

Nach kurzer Umbaupause betraten Dogma die Bühne, und spalteten das Publikum bereits im Vorfeld. Rund um die Band wurde hitzig diskutiert, Meinungen gingen weit auseinander und manche Fans verteidigten die Formation beinahe fanatisch. Live wurde allerdings schnell klar, warum Dogma derzeit so polarisiert. Die Mischung aus provokanter religiöser Symbolik, starker Wollust artiger Theatralik und druckvollem Sound funktionierte erstaunlich gut. Besonders Bassistin Nixe und Drummerin Abrahel überzeugten sowohl spielerisch als auch mit starker Bühnenpräsenz. Optisch wie musikalisch passte das Gesamtbild perfekt in die düstere Atmosphäre des Abends.

Als schließlich die Lichter erloschen und Lord of the Lost die Bühne betraten, verwandelte sich das Carlswerk augenblicklich in einen Hexenkessel. Passenderweise eröffnete die Band den Abend mit „Kill The Lights” und spielte dabei intensiv mit Licht und Schatten, passend zur aktuellen OPVS NOIR-Ära, wobei dieser Song auch das Intro zum letzten Teil der Reihe fungiert. Schon früh zeigte sich, wie stark die Band inzwischen darin geworden ist, große Bühnenproduktionen mit echter Nähe zum Publikum zu verbinden.

Natürlich durften Fanfavoriten wie „Damage” oder „Drag Me to Hell“ nicht fehlen. Die Menge erwies sich dabei als extrem textsicher, wodurch eine fast schon magische Atmosphäre entstand. Den lautesten Moment des gesamten Abends erzeugte allerdings „I Hate People” . 1600 Menschen schrien den Refrain mit einer Intensität, die selbst erfahrene Konzertgänger beeindruckte. Wer möchte nicht “I Hate People” mit einem ausgestreckten Mittelfinger schreien?

Mit „Blood for Blood“ folgte außerdem ein One-Person-Circle-Pit, bevor die Band tiefer in ältere Werke wie „Thornstar“ oder „Judas“ eintauchte. Besonders „Priest“ und „On This Rock I Will Build My Church“ entwickelten live enormen Druck. Zwischendurch sorgte „In Darkness, In Light“ für einen ruhigeren Moment, bevor spätestens bei „Loreley“ wieder lautstark mitgesungen wurde.

Typisch Lord of the Lost blieb der Abend dabei angenehm unperfekt und spontan. Während einer Tee-Pause wurden weitere AxoLOTL-Plüschtiere ins Publikum geworfen, Chris Harms scherzte über Tee-Konsum nach 17 Jahren Bandgeschichte und das Publikum feierte jede noch so kleine Improvisation begeistert ab.

Besonders stark war außerdem die Einbindung der Supportbands in das Hauptset. Anna Brunner kehrte für „Please Break The Silence“ zurück auf die Bühne, während bei „Schrei nach Liebe“ endgültig komplette Eskalation herrschte. Parallel fuhr Chris Harms auf einem Boot durch die Menge. Ein völlig absurder, aber perfekt passender Moment.

Auch musikalisch blieb die Show extrem abwechslungsreich. Neuere Songs wie „The Things We Do For Love“ schepperte ordentlich, emotional als auch Riff-mäßig, oder „Doomsday Disco“ funktionierten live hervorragend. Letzterer verwandelte das Carlswerk mit seiner massiven Lichtshow zeitweise eher in einen dystopischen Nachtclub. Für Epileptiker oder Menschen ohne Sonnenbrille wurde es dabei stellenweise fast kritisch hell.

Natürlich durfte auch „Blood & Glitter“ nicht fehlen. Kleine Chaosmomente, etwa als Gitarrist Pi Stoffers beinahe vergaß, rechtzeitig seine Gitarre anzulegen, machten den Auftritt eher sympathischer als störend. Spätestens beim „Cha Cha Cha“-Cover zeigte sich zudem, wie textsicher das Publikum selbst bei finnischen Songs war. Der gigantische Wall of Death gehörte anschließend zu den intensivsten Momenten des gesamten Konzerts. Es war hart, aber gleichzeitig auffallend respektvoll. 

Den emotionalen Abschluss bildete schließlich „Light Can Only Shine In The Darkness“ . Arm in Arm sang das Publikum die letzten Zeilen mit, während hunderte Hände in die Höhe gestreckt wurden. Minutenlanger Applaus folgte.

Dieses Konzert funktionierte deshalb so gut, weil wirklich alles ineinandergriff.  Die Vorbands waren stark, eine fantastische Setlist, eine leidenschaftliche Community und eine Band, die nach 17 Jahren immer noch wirkt, als hätte sie gerade erst angefangen. Insgesamt 23 Songs, mit Material aus nahezu allen Studioalben und klarem Fokus auf die aktuelle OPVS NOIR-Ära, machten den Abend zu einem der stärksten deutschen Metal-Konzerte des Jahres.

Und genau deshalb traf das Konzert am Ende noch härter. Nach dieser Tour wird es zunächst ruhiger um Lord of the Lost auf den Bühnen werden. Die angekündigte Livepause schwebte während der gesamten Show unterschwellig über dem Abend und verlieh vielen Momenten zusätzliches Gewicht. Umso mehr wirkte dieses Konzert wie ein bewusster Abschied auf Zeit. Das ist auf das Touren bezogen, trotzdem werden sie auf Festivals oder dem LordFest aktiv sein. „Es ist eine Tour-Pause und keine Band-Pause“ so Gitarrist Pi Stoffers.

 

 

Setlist – League Of Distortion: 

Galvanize
My Hate Will Go On
My Enemy
Wolf or Lamb
Crucify Me
L.O.D.

 

Setlist – Dogma: 

Forbidden Zone
My First Peak
Made Her Mine
Fate Unblinds
Carnal Liberation 
My Matricidal
Father I Have Sinned
Like A Prayer (Madonna Cover)
The Dark Messiah

 

Setlist – Lord of the Lost: 

Kill The Lights
My Funeral
Damage 
Prison
Forever Lost
Drag Me to Hell
I Hate People
Blood for Blood
Priest
In the Field of Blood
I‘ll Sleep When You’re Dead
On This Rock I Will Build My Church
In Darkness, In Light
Loreley 
Winter’s Dying Heart
I Will Die In It
The Things We Do For Love
Doomsday Disco
Blood & Glitter
Please Break The Silence (Feat. Anna Brugger)
Schrei nach Liebe (Die Ärtze Cover, feat. Anna Brugger)
Cha Cha Cha (Käärijä Cover)
Light Can Only Shine In The Darkness

 

Bericht von Tim Karow
Bilder von Tim Braff

 

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