
© Anne C. Swallow
Mit ihrem neuen Werk „Solastalgia“ melden sich Heretoir eindrucksvoll zurück und vertiefen einmal mehr die Verbindung von atmosphärischem Post-Black Metal und introspektiver Melancholie. Zwischen harscher Aggression und zerbrechlicher Schönheit beleuchtet die Band Themen wie Vergänglichkeit, Entfremdung und die Zerrissenheit einer Welt im Wandel. Wir haben mit Heretoir über die Entstehung des Albums, den kreativen Prozess und die persönlichen Hintergründe gesprochen.
HF: „Solastalgia“ bezeichnet den Schmerz über den Verlust der natürlichen Umwelt. Wie kam es dazu, diesen Begriff als Titel und zentrales Thema des Albums zu wählen?
Matthias: Mich persönlich begleitet Solastalgie täglich. Ich empfinde große Trauer, Schmerz und auch Wut, wenn ich sehe, wie die moderne industrialisierte Menschheit mit der natürlichen Welt umgeht. Jeden Tag sterben zahlreiche Tier- und Pflanzenarten aus, Wälder werden gerodet um Platz für landwirtschaftliche Nutzflächen zu schaffen, Industrieanlagen fressen sich in die Landschaften, ganze Berge werden abgegraben um Rohstoffe zu gewinnen und eine auf globaler Ebene alles zerstörende Megamaschine namens Weltwirtschaft bzw. Kapitalismus zerstört weitestgehend unhinterfragt die letzten intakten Ökosysteme. Auf die im Übrigen nicht nur die nichtmenschlichen Bewohner des Planeten angewiesen sind, sondern letzten Endes auch der Mensch selbst. Die meisten indigenen Weltbilder und auch die Kulturen der Steinzeit führen uns anschaulich vor Augen, wie man die Natur mit Respekt und Ehrfurcht betrachten kann und wie Menschen im Einklang mit der Welt um sie herum existieren können. Doch die Ideologie der Fortschrittsgläubigkeit und des grenzenlosen Wachstums und technologischen Fortschritts kennt nur Ausbeutung und Unterwerfung. Diese Themenkomplexe beschäftigen nicht nur mich persönlich, sondern auch uns als Band. Da wir schon immer atmosphärische Musik schrieben und unsere Emotionen in Songs ausdrücken kam es ganz von selbst, dass wir diese Trauer um die natürliche Welt und den damit verbundenen Weltschmerz in unserem neuen Album verarbeiten wollten. Es knüpft damit auch an „Nightsphere“, das Vorgängeralbum an, in dem es ja ebenfalls um das Verhältnis von modernem Menschen und Natur ging.

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HF: Ist „Solastalgia“ für euch eher ein politisches oder ein persönliches Album, oder liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen?
David: Meiner Meinung nach liegt die Wahrheit tatsächlich irgendwo dazwischen. „Solastalgia“ beinhaltet natürlich eine ganze Menge Gesellschaftskritik bzw. Kritik an der Ignoranz und Megalomanie mit der wir unsere Welt und mit ihr zahllose andere Spezies zu Grunde richten.
Auf der anderen Seite ist das Album auch ein sehr persönliches. Jeder Song spiegelt für mich eine ganz eigene Thematik und, wie soll ich sagen… eine eigene Art Schmerz, Wut oder Trauer wider. Zum Beispiel „The Ashen Falls“ oder „Dreamgatherer“. Das sind für mich wahnsinnig persönliche Songs. „The Ashen Falls“ ist ein absoluter Herzenssong für mich, da er das Individuum in der modernen Welt und die Herausforderung, seinen Platz und Weg in diesem ganzen Wahnsinn zu finden, beleuchtet. Im Fall von „Dreamgatherer“ geht es beispielsweise um einen Menschen und seine entkoppelte und entfremdete Wahrnehmung der Welt aus der Isolation im eigenen Kopf heraus. Um Mangel an Empathie und die totale Konzentration aufs Ich/Ego samt „Nach mir die Sintflut“-Mentalität. Und um die Tatsache, dass wir uns quasi permanent ablenken und uns in bestimmte Dinge flüchten um mit unserer täglichen Realität irgendwie klarzukommen. Das sind alles Themen und Empfindungen, die mich persönlich sehr bewegen.
„Solastalgia“ ist meiner Meinung nach nicht ohne Grund unser wahrscheinlich härtestes Album bisher – wir alle haben da denke ich einige Dinge verarbeitet.
Für mich persönlich stecken in allen Songs und besonders im Gesang auf jeden Fall viele eigene Erfahrungen, viel Emotion, Frustration aber auch befreiende Katharsis.
HF: Euer Sound war schon immer emotional, doch diesmal wirkt alles zugänglicher, offener, fast hymnisch. War das eine bewusste stilistische Entscheidung oder eher eine natürliche Entwicklung?
David: Eine bewusste stilistische Entscheidung stand nicht dahinter. Wir haben uns also nicht hingesetzt und gesagt „Wir schreiben jetzt ein Album in diesem und diesem Stil“. Ich denke wir haben auf „Solastalgia“ einfach genau die Musik kreiert, die sich für uns in genau dieser Zeit und Schaffensphase gut und richtig angefühlt hat. Ich denke ich spreche für alle, wenn ich sage, dass wir immer versuchen uns mit jeder Veröffentlichung auch ein Stück weiter „zu pushen“ und uns aus gewissen Komfortzonen zu wagen – vielleicht resultiert daraus bei „Solastalgia“ auch diese zugänglichere, offenere Wirkung.
HF: Welche Rolle spielt die spätere Live-Umsetzung beim Komponieren, denkt ihr beim Schreiben bereits an Bühne, Energie und Publikum?
Matthias: Tendenziell spielt das beim Schreiben der Songs keine Rolle. Natürlich denkt man auch während der Entstehung eines Musikstücks ab und an daran, wie man den Song irgendwann auf die Bühne bringen kann. Insgesamt versuchen wir aber während des Schreibprozesses unserer Kreativität freien Lauf zu lassen und uns nicht durch etwaige Limitierung bei Liveshows ins Handwerk pfuschen zu lassen.
HF: Das Album klingt gleichzeitig detailverliebt und sehr organisch. Wie verlief der Aufnahmeprozess, gab es dabei besondere Herausforderungen oder Veränderungen im Vergleich zu früheren Produktionen?
David: Vielen Dank für deine Empfindung, dass das Album „detailverliebt und sehr organisch“ klingt – anscheinend kommt unsere Intention gut rüber. „Solastalgia“ war im Vergleich zu den bisherigen Alben was den Entstehungsprozess angeht das mit Sicherheit herausforderndste Album, das wir bisher produziert haben. Und zwar weil das Songwriting und die Aufnahmen sehr fragmentiert abliefen und sich über längere Zeit hinzogen – ganz im Gegesatz zu „Nightsphere“, das wir in wenigen Monaten geschrieben haben. Die Songs wurden damals in etwa drei Tagen direkt im Studio ausgearbeitet und aufgenommen.
Für „Solastalgia“ sind die ersten Songs teilweise schon vor 10 Jahren, noch bevor „The Circle“ veröffentlicht wurde, entstanden – z.B. die Demoversion von „Dreamgatherer“. Das heißt die Songwriting- und Aufnahmephase des Albums hat sich über mehrere unserer Veröffentlichungen wie „Wastelands“ und „Nightsphere“ erstreckt. Es ist enorm wie viel Arbeit in dieses Album und die Aufnahmen geflossen ist und wir haben, bis wir wirklich alle zufrieden waren, einige Songs auch mehrfach überarbeitet, samt zahlreichen Neuaufnahmen einzelner Elemente/Instrumente. Zum Beispiel hatten wir zwischen 2020 bis 2024 mehrere Schlagzeug-Sessions, weil viele der Songs teilweise über Monate/Jahre ruhten und dann doch nochmal angepasst wurden. Oder weil noch weitere Songs, wie z.B. „Solastalgia“, hinzukamen.
Für die Vocals hatte ich verschiedene Recording-Sessions mit David Deutsch und Justin Felder von 1408 Productions (Hannover), aber auch teils alleine, bis für uns dann alles auf den Punkt war. Die beiden haben einen großartigen Job beim anspruchsvollen Mix dieses Albums, das ja doch viele Stile in sich vereint, gemacht. Lasse Lammert, der auch zuvor bereits „The Circle“ gemastert hatte, hat dem Album dann mit seinem Mastering für uns die Krone aufgesetzt.
All das erklärt vielleicht ein wenig die Vielseitigkeit dieses Albums, auf dem sich am Ende verschiedenste Arten melancholischer, melodischer und atmosphärischer Musik finden lassen.

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HF: Was hat euch beim Songwriting am meisten inspiriert, musikalisch, literarisch oder visuell?
Matthias: Für mich ist die Natur Inspirationsquelle Nummer 1. Ich verbringe viel Zeit in den Wäldern, die Erlebnisse dort bzw. die Gedankenwelten finden oftmals ihren Weg in unsere Musik. Neben der direkten Naturerfahrung beschäftige ich mich auch im universitären Umfeld viel mit dem Verhältnis das die moderne Menschheit mit der Natur pflegt bzw. wie sich gesellschaftliche Naturverhältnisse seit der Steinzeit bis heute verändert haben. So finden naturphilosophische Schriften wie zum Beispiel „Walden“ von H.D. Thoreau, „Against Civilization“ von John Zerzan oder „The others“ von Paul Shepard ihren Weg in Songs. Aber natürlich spiegeln sich auch unsere emotionalen Erfahrungen bzw. zwischenmenschliche Erlebnisse unserer Leben in den Songs wider.
HF: Gab es Songs, die euch beim Entstehungsprozess besonders viel abverlangt haben, sei es emotional oder technisch?
Matthias: Ich denke, dass insbesondere der Titeltrack „Solastalgia“ eine ganz besondere emotionale Tiefe in sich trägt, was wir bei den Aufnahmen auch alle gespürt haben.
David: Exakt, „Solastalgia“ hatte bei den Aufnahmen einen ganz besonderen Vibe und bekam vor allem durch den Wechsel zwischen Nils‘ und meinen Vocals eine ganz besondere Dynamik. Die richtigen und passenden Vocals für den Song zu schaffen war aber definitiv ziemlich herausfordernd. Emotional viel abverlangt hat mir bei den Vocal-Aufnahmen auch besonders „The Ashen Falls“, da mir der Song wie schon erwähnt besonders am Herzen liegt.
HF: Wie wichtig ist es euch, mit eurer Musik nicht nur emotional zu berühren, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren oder gar zu hinterfragen?
Matthias: Wir sehen Heretoir nicht als dezidiert politische Band mit explizitem Anspruch die Welt zu verändern. Aber wir behandeln in unseren Songs vielerlei Themen, die für uns relevant sind und die uns beschäftigen und die wir auch kritisch hinterfragen. Wenn es gelingt die ein oder andere Person, die unsere Songs hört, ebenfalls zum Nachdenken über verschiedene Themen anzuregen, macht uns das sehr glücklich.
HF: Heretoir begann als Soloprojekt, mittlerweile seid ihr eine feste Band. Wie hat sich eure Zusammenarbeit als Kollektiv beim Schreiben von „Solastalgia“ entwickelt?
Matthias: Schon das letzte Album „Nightsphere“ wurde gemeinsam von David, Nils und mir geschrieben. Wir haben gemerkt wie viel effizienter wir dabei als Musiker geworden sind und wie facettenreich die Songs dadurch geworden sind. Wir funktionieren sehr gut als Band zusammen, weil wir uns menschlich gut verstehen, kompromissbereit sind und jeder bestimmte Talente mitbringt, die sich insgesamt perfekt für gemeinsames Schreiben von Musik eignen. Die mit „Nightsphere“ etablierte Herangehensweise haben wir auch bei „Solastalgia“ beibehalten und das hat einmal mehr sehr gut funktioniert.
HF: Eure Texte berühren oft existenzielle Tiefen. Ist eure Musik für euch eher ein Mittel zur Verarbeitung oder ein künstlerischer Beobachtungsraum?
Matthias: Beides spielt für uns eine große Rolle und die unterschiedlichen Perspektiven lassen sich meiner Meinung nach auch gut verbinden.
HF: Welche Bedeutung hat Empathie für euch als Musiker, gerade in einer Zeit, in der Mitgefühl oft als Schwäche gilt?
Matthias: Wer Mitgefühl als Schwäche sieht hat meiner Meinung nach die Grundlagen des menschlichen Miteinanders bzw. der Existenz auf diesem Planeten nicht verstanden. Empathie ist für mich (und alle anderen in der Band) essenziell. Sowohl was Mitgefühl für menschliches Leid, aber auch für die nichtmenschliche Sphäre betrifft. In der modernen Massengesellschaft glauben viele sich in verschiedenen Formen von Auseinandersetzungen mit anderen messen zu müssen. Der Triumphierende nimmt dann angeblich einen gesellschaftlich höheren Rang ein. Die Machtmechanismen innerhalb kapitalistischer Gesellschaftsordnungen verschärfen diese Situation. Als anarchistisch sozialisierte Person lehne ich sowohl Hierarchien, als auch das kapitalistische Wirtschaftssystem ab. Natürlich sind wir alle gezwungen in der ein oder anderen Form daran teilzunehmen, doch halte ich es für sehr wichtig, dass man die Welt in der wir leben hinterfragt, kritisch beleuchtet und so oft wie möglich empathisch und solidarisch agiert und sich nicht zum Kampf aller gegen alle anstacheln lässt.
HF: „Burial“ ist mein persönlicher Favorit auf dem Album, ein kraftvoller, intensiver Song. Gibt es für euch einen Lieblingstrack, den ihr besonders gerne live spielen möchtet?
Matthias: Meines Erachtens ist „You are the night“ der stärkste Song des Albums. Ich freue mich aber auch sehr darauf den Titeltrack live zu spielen.
David: Ich sehe das ähnlich wie Matthias und finde „You are the night“ äußerst stark – aber auch „Burial“ wie von dir angesprochen könnte ich mir z.B. live sehr gut vorstellen. Bei der Live-Auswahl muss man aber natürlich erst einmal intern einen Konsens finden, was manchmal gar nicht so einfach ist, weil man sich gefühlt so viele Songs vorstellen kann. Da muss man dann erst einmal sehen, was im Fluss und einer gewissen Dramaturgie einer Show am besten funktionieren könnte.

© Anne C. Swallow
HF: Post-Black Metal ist heute ein äußerst diverses Feld. Wo seht ihr euch aktuell innerhalb dieser Szene, und wie definiert ihr eure musikalische Position selbst?
Matthias: Wir sind als Teil der Post Black Metal Szene groß geworden und schätzen das Genre bzw seine unterschiedlichen Facetten. Generell sind wir aber alle musikalisch sehr breit aufgestellt und hören von Punk, Crust, Post Rock, Death Metal, Hardcore, Metalcore, Jazz, Klassik und viele weitere Musikarten alles Mögliche. Ich denke das merkt man unseren Songs und vor allem dem neuen Album auch an. Ich halte das für äußerst positiv. Wir sind eine vielseitige Band und wir haben uns über die Jahre sicher von den Black Metal Wurzeln ein Stück weit entfernt und uns für andere Einflüsse geöffnet. Wir hören allesamt nach wie vor sehr gerne Black Metal. Es gibt aber musikalisch noch viele andere spannende Welten zu entdecken.
HF: Wie nehmt ihr die internationale Resonanz auf eure Musik wahr, gerade nach dem Erfolg von „Nightsphere“ und den vielen Festivalauftritten?
Matthias: Wir bekommen wirklich überwältigend positives Feedback. Das bestärkt uns natürlich in unserem Tun. Wir sind mit der Band noch lange nicht am Ende und freuen uns auf viele weitere Tourneen, Festivals und natürlich neue Musik.
HF: Was wünscht ihr euch, dass die Menschen aus „Solastalgia“ mitnehmen, inhaltlich, emotional oder spirituell?
Matthias: Da möchte ich gar nicht unbedingt irgendwelche Erwartungen äußern. Ich hoffe die Leute hören sich das gesamte Album am Stück an und lassen sich von uns auf eine musikalische Reise mitnehmen, die in ihrer Gesamtheit ziemlich einzigartig sein dürfte.
HF: Zum Abschluss: Wie groß ist eure Vorfreude auf die kommende Tour, insbesondere darauf, wieder gemeinsam mit Der Weg einer Freiheit auf der Bühne zu stehen? Gibt es besondere Pläne zum Albumrelease oder zur Tour selbst, auf die wir uns freuen dürfen?
Matthias: Wir sind randvoll mit allerfeinstem Bock!
HF: Ich bedanke mich vielmals, dass ihr euch Zeit genommen habt, um auf die Fragen einzugehen. Vielleicht sieht man sich ja. Alles Gute und einen erfolgreichen Release mit hoffentlich hohen Chart Platzierungen!
Interview: Tim Karow
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