
© Eisregen
Geschrieben von: Tim Karow
Band: Eisregen
Album: Krebskolonie
Genre: Dark Metal
Plattenfirma: Massacre Records
Veröffentlichung: 26.09.2025
Mitte der 2000er-Jahre war es für Eisregen-Fans nicht gerade einfach, ihre Lieblingslieder live zu hören. Besonders für jene unter 18, wie Ich zur Zeit als das re-Release rauskam. 2007 standen von den bis dahin sechs veröffentlichten Alben gleich drei auf dem Index, eines davon sogar auf der berüchtigten „Liste B“, was einem vollständigen Verbreitungsverbot gleichkam. Heute, 22 Jahre nach der Indizierung von 2003, ist das Album wieder frei erhältlich, wenn auch mit einer kleinen Anpassung. Bleibt die Frage: Ist Krebskolonie wirklich so „böse“, oder hat sich schlicht die Zeit geändert?
Das Debüt Zerfall aus dem Februar 1998 präsentierte sich noch roh, puristisch und stark im Black Metal verwurzelt. Nur neun Monate später folgte mit Krebskolonie ein deutlich reiferes Werk. Besonders die Violine von Theresa „2T“ Trenks wurde stärker eingebunden, und auch der Gesang von M. Roth gewann an Verständlichkeit. Textlich kam neben klassischem Horror eine blutig-morbide Ebene hinzu, genau der Aspekt, der schließlich zur Indizierung führte. Der alte Indizierungsbericht mag heute noch online zu finden sein, ist aber voller formaler Schwächen und letztlich nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten.
Entscheidend ist ohnehin die Musik. Schon der Opener „Vorabend Der Schlacht“ erzeugt mit Regenrauschen und Sirenengeheul eine gespenstische Atmosphäre, bevor sich der Song von einem schleppenden Aufbau zu einem wuchtigen Finale steigert. Die nüchterne Darstellung eines aussichtslosen Kampfes wirkt auch heute noch eindringlich. Ganz anders „Nachtgeburt“, das in kaum zwei Minuten mit punkiger Schlagseite und sarkastischer Härte sadomasochistische Grausamkeiten heraufbeschwört.
Zu den absoluten Bandklassikern zählt ohne Zweifel „Scharlachrotes Kleid“. Die morbide Ballade hat über die Jahre mehrere Überarbeitungen erfahren, nicht zuletzt, um live spielbar zu bleiben. Doch das ursprüngliche Original behält bis heute seinen einzigartigen Charme, getragen von Klavier- und Violinen Melodie, die sich unvergesslich ins Gedächtnis brennen.
Der Titeltrack „Krebskolonie“ war schon immer ein Diskussionspunkt. Viel wurde über die intendierte Krankheit und den Sinn der Lyrics spekuliert. Sicher ist: Mit Zeilen wie „Gestern zwang mich der Hunger von den Toten zu essen, der Geschmack war zwar bitter aber sonst ok“ machten Eisregen deutlich, dass sie sich schon damals nicht durchgehend ernst nahmen. Der abschließende, fast tänzelnde Teil mit „Kraft durch Krebs, Krebs macht frei“ mag verstörend bleiben, doch insgesamt hat sich der Song als unumstößlicher Klassiker etabliert, und darf nun endlich wieder live erklingen.
Die wahre Sternstunde des Albums liegt jedoch in „Das kleine Leben“. Der fast neunminütige Longtrack vereint all das, was Eisregen damals auszeichnete: abwechslungsreiche Dramaturgie, bedrückende Atmosphäre und die perfekte Symbiose aus Roths Screams, sägenden Gitarren, treibendem Schlagzeug und omnipräsentem Klavier. Moderne Großwerke wie „Totkörperkunst“ von Abart reichen an diese Komplexität und Intensität nicht heran.
Lediglich ein Song hat es nicht unverändert durch die Neuprüfung geschafft: „Futter Für Die Schweine“. Hier präsentiert sich nun das „Rezept 2025“, statt Menschenfleisch wird veganes Futter besungen. Der Clou: Das Original blieb unangetastet, lediglich die beanstandeten Passagen wurden neu eingesungen. Überraschenderweise gelingt es Roth dabei, stimmlich verblüffend nah an sein 27 Jahre jüngeres Ich heranzureichen.
Den Abschluss bildet wie damals „Thüringen“, eine Hymne, die Eisregen nach der Indizierung neu aufnehmen mussten und die lange Zeit aus den Livesets verschwunden war. Inzwischen beenden sie ihre Shows oft mit „Elektro-Hexe“, doch vielleicht findet das Stück nun seinen Weg zurück ins Finale.
Unterm Strich zeigt sich: Krebskolonie lebt nicht allein vom Mythos seiner Indizierung. Sound, Atmosphäre und Texte fügen sich zu einem Album zusammen, das zu Recht zu den stärksten Veröffentlichungen der Thüringer zählt. Als Bonus gibt es die Liveaufnahmen von „Lager Leipzig“ (Wave Gotik Treffen 2000), die das Gesamtpaket abrunden. Am schönsten aber ist, dass diese Songs nun wieder frei auf der Bühne erklingen dürfen – und endlich jede:r in den Genuss dieses düsteren Meisterwerks kommen kann.
Ich vergebe Eisregen 9,5 von 10 Hellfire-Punkten.
Tracklist:
01 Vorabend Der Schlacht
02 Nachtgeburt
03 Scharlachrotes Kleid
04 Krebskolonie
05 Für Euch Die Ihr Lebt
06 Der Kleine Leben
07 Blassblaue Lippen
08 Abglanz Vom Licht
09 Futter Für Die Schweine – Rezept 2025
10 Thüringen
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