
Lacrimas Profundere @ Neuborn Open Air Festival 2024 in Wörrstadt // © by Marco G.
Geschrieben von Marco Gräff // Fotos © gräffiX by Marco G
Neuborn Open Air Festival Wörrstadt // 29.-30.08.2025. 20 Jahre NOAF – 20 Jahre das Neuborn Open Air Festival in Wörrstadt, unweit von Mainz. Wer hätte damals, 2005 damit gerechnet, dass man 20 Jahre später immer noch den Neuborn bespielen würde? Was 2005 als Festivalwochenende mit einigen Cover Bands vor 500 Zuschauern begann, hat sich über die Jahre etabliert und so manche bekannte und stilprägende Band hatte in dem rheinhessischen Städtchen ihren Auftritt. Nur um ein paar wenige zu nennen:
Rage, Pro Pain, Emil Bulls, Holy Moses, Kreator, Tiamat, Powerwolf, Kissin‘ Dynamite, Sodom, Grave Digger, Destruction, Crematory, Mantar, Arch Enemy, Dirkschneider, Doro, Paradise Lost, Amorphis, Candelmass, Sick of it All, und, und, und…
Es ist schon beachtenswert, was hier Jahr für Jahr ehrenamtlich! auf die Beine gestellt wird. Es war und ist ein familiäres Festival, welches seinen ganz eigenen Charme besitzt und Jahr für Jahr mittlerweile über 3.000 Menschen anzieht. Warum man immer noch da ist, während größere, namhafte Festivals mittlerweile die Segel streichen mussten? Wahrscheinlich auch, weil man in Wörrstadt am Boden geblieben ist. Man bietet immer einen guten Querschnitt an Genre an, nie die allergrößten Headliner aber zahlreiche aufstrebende Bands und regionale Acts.

Leyka
So nun auch im 20. Jahr. Freute man sich im Vorfeld auf SAXON als freitags Headliner, musste man zwei Wochen vor dem Auftritt krankheitsbedingt gleichwertigen Ersatz finden. Und ich denke, da waren auch die meisten Gäste dieser Meinung, mit DIRKSCHNEIDER und deren „40 Jahre Balls to wall Set“ hatte man einen mehr als halbwegs adäquaten Ersatz gefunden. Doch bevor Udo und seine Band die Bretter bestiegen, ging es am frühen Nachmittag los mit LEYKA, einer regionalen Modern Metal und Metalcore Band, die schon früh und ordentlich Staub aufwirbelten. Nicht weniger intensiv, aber deutlich traditioneller waren dann TRAITOR aus Balingen unterwegs. Ähnlich wie die Urgesteine ‚Exciter‘ singt der Drummer und auch musikalisch ist man da mit Speed und Thrash Metal ganz nah an den Kanadiern.

Lacrimas Profundere
Ganz andere Töne schlugen dann LACRIMAS PROFUNDERE an. Düsterer Rock, modern interpretiert mit einem guten Schuss Gothic Vibes in der gleißenden Sonne. Sänger und Frontmann Julian Larre agierte wie vom Teufel besessen, einem Vampir gleich und mit Entertainer Qualitäten, die nicht selten an den großen Freddie Mercury erinnerten. Ob beim Bad in der Menge oder das Publikum zum Nachsingen motivierend. Beeindruckende Performance und für mich klar der überraschendste und beste Auftritt am Freitag.

April Art
APRIL ART hatten es nicht wirklich schwer, da mitzuhalten. Frontfrau Lisa-Marie Watz ist eine eben solche „Rampensau“ und optisch macht die Band schon immer was her. Und auch ihre drei Bandkollegen sind wahre Aktivposten, die kaum stillstehen, bzw. -sitzen. Leider machte ein Gewitterschauer der Alternative Metal Party einen mittelgroßen Strich durch die Rechnung. Das Quartett ließ sich aber nicht wirklich beeindrucken, sondern zog das professionell durch. Und es blieb dynamisch. Im Vorfeld hab ich mich schon gefragt, was uns denn mit einer Band namens SAMURAI PIZZA CATS bloß erwarten soll. Aber auch diese Band pflügte mit Metal und Trancecore durch die Menge, als wäre man schon seit Jahrzehnten unterwegs. Dieser Auftritt hat sicher einige neue Fans gebracht.

Phil Campbell & The Bastard Sons
Dann folgte Klassiker auf Klassiker. Zunächst PHIL CAMPBELL & THE BASTARD SONS. Im Vorfeld war nicht wirklich klar, wieviel ‚Motörhead‘ in diesem Jahr auf dem Neuborn zu hören sein wird. War man doch erst 2022 mit einem kompletten Set von Lemmys Hymnen aufgetreten. Und siehe da, auch drei Jahre später wurde der Abend ‚Motörhead‘ gewidmet, sehr zur Freude aller Anwesenden. Den Sänger hatte man gerade erst einen Tag zuvor neu an Bord geholt und hatte somit etwas Mühe, mit den Interpretationen der großartig dargebotenen Songs.

Dirkschneider
Weniger Mühe, da er schon immer diese prägnante Stimme besitzt, hatte Udo DIRKSCHNEIDER beim Singen des ‚Accept‘ Klassikers „Balls to the wall“. In Gänze wurde das 40-jährige Jubiläum dieses Meilensteins der Metalgeschichte gefeiert. Inkl. ein paar weiterer Klassiker wie Burning, Fast as a shark, Midnight mover und natürlich Princess of the dawn. Die Band hatte Bock, trotz dass sie an einem eigentlich freien Tag dann doch auftreten mussten. Die Menge zeigte sich mehr als dankbar und machte den Ausfall des eigentlich angesetzten Headliners schnell vergessen.

Warfield
Der Samstag begann dann mit einem wahren Senkrechtstarter aus dem nahen gelegenen Kaiserslautern. Die neue Thrash Hoffnung aus deutschen Landen heißt dieser Tage WARFIELD. Und die Vorschusslorbeeren waren nicht unbegründet. Energiegeladen und aggressiv schüttelte der Heavy Sound gleich zu Beginn des Festivaltages Staub und Schlaf aus den Klamotten. Das durfte gerne so weiter gehen. Nur hatten es da die folgenden COLD SNAP aus Kroatien nicht ganz so leicht. Moderner Groove Metal mit Emotionen mag ich es mal nennen. Reiste die Band doch eigens aus ihrer Heimat für den Gig nach Rheinhessen, um den Tag darauf wieder zu Hause zu spielen. Zudem hatte man noch einen Trauerfall innerhalb der Band im Gepäck. Alles nicht leicht und doch ließen sie sich nix anmerken und überzeugten sicher nicht nur mich.

Nungara
Und auch die folgende Band hinterließ einen guten Eindruck. Mit brasilianischen Wurzeln groovten sich NUNGARA in die Herzen der NOAF Menge. Einen großen Anteil daran hatte sicher auch Sängerin Noelle dos Anjos, die einige noch aus ihrer Zeit bei ‚Cobra Spell‘ kennen dürften. Dark Groove Metal nennt es das Trio selbst, ein Mix aus Groove Metal, Tribal, düsteren Sounds und einem Mix aus Klargesang und weiblichen Growls. Hatte was Erfrischendes. Ganz im Gegensatz zum nachfolgenden Auftritt der Grazer Black Metal Band ELLENDE.

Ellende
Mein persönliches Highlight des Wochenendes. Erfrischend war hier höchstens die eisige Atmosphäre, die ihr Black Metal über den Neuborn wabern ließ. Sicher kein Ort und schon gar nicht die richtige Uhrzeit, um bei strahlendem Sonnenschein düsteren, melancholischen und traurigen Black Metal zu zelebrieren. Doch selbst da sind die Österreicher Profis genug. Für mich eine beeindruckende Performance.
SUICIDAL ANGELS im Anschluss hatten es etwas leichter, die Menge wieder in Bewegung zu bringen. Thrash eignet sich nun mal besser als Black Metal für Mosh – und Circle Pits. Erneut andere Wege, aber sicher mit am intensivsten an diesem Wochenende, lieferten LONG DISTANCE CALLING ab. Instrumental Progressive und Post Rock ist jetzt auch nicht unbedingt für Stimmungskanonen gemacht, aber mit ihrer Spielfreude und Ausstrahlung brachte die Band aus Münster zahlreiche begeisterte Gesichter vor die Bühne.

Annisokay
Mit Einbruch der Dämmerung enterten dann die vermeintlichen Headliner des Samstags die Stage. Es folgte eine emotionale Metalcore Party mit ANNISOKAY, wie man es im Vorfeld nicht unbedingt erwarten hätte könnte. Aber was das Quartett da ablieferte, war energisch bis zum Anschlag. So sehr, dass Gitarrist und Sänger Christoph Wieczorek zwischenzeitlich die Bühne wegen Kreislaufproblemen verlassen und das Konzert unterbrechen musste. Aber all das änderte nichts am großartigen Auftritt der Band. Das merkte man deutlich an den Reaktionen des begeisterten Publikums.

Zeal & Ardor
Da hatten es abschließend ZEAL & ARDOR schon schwerer. Ich weiß nicht wie viele im Vorfeld von der Schweizer Progressive Metal und Gospel Band gehört haben. Der Mix ist ja auch nicht gerade alltäglich. Aber der Auftritt war mehr als beeindruckend. Allein drei Sänger machen schon was her. Stimmgewaltig, soundtechnisch tadellos und mit optischen Effekten war das ein Auftritt, der lange nachhallt. Auch hier dürften einige neue Anhänger gewonnen worden sein. Ein so nicht zu erwartender, aber dennoch krönender Abschluss eines Neuborn Open Air Festivals 2025.
Also alles in Butter? Nun ja. Musikalisch gibt es nicht viel zu meckern. Erneut wurde eine große Bandbreite geboten. Allerdings standen mal wieder nur zwei Frauen an beiden Tagen auf der Bühne. Verpflegungstechnisch gibt es auch nichts zu beanstanden. Man hält am jahrelangen Angebot fest, welches mehr als ausreicht. Dass auch hier mal eine Preisanpassung nach oben einsetzte, ist verständlich und man ist immer noch preiswerter als die meisten anderen Festivals hierzulande. Wo aber sind die bitte die guten alten Merch Stände hin? Wo man in alten, seltenen Bandshirts wühlen kann? Sich eine neue oder auch rare Langspielplatte raussuchen kann. Ich brauche keinen Stand mit albernen Shirts und Hüten für den nächsten Ballermann Urlaub. Da darf es gerne wieder etwas traditioneller werden. Ansonsten komme ich aber auch so gerne wieder zum NOAF. Wenn es 2026 zu 20. Mal HEY NOAF heißt. Und wenn sich Peter „Biff“ Byford bis dahin wieder komplett erholt hat, stehen SAXON dann wirklich neben GRAVE DIGGER und anderen Acts wieder auf den Brettern im NEUBORN. Wir freuen uns darauf!

Neuborn Open Air Festival 2025 in Wörrstadt // © by Marco G.
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